Impressionen CAMP 2021

Heilbronn. Im Maker Space der Hochschule Heilbronn (HHN) öffnen sich zwei große Glastüren. Überdimensionale Holzwürfel auf Rollen werden zur Seite gerückt und Laptops aufgebaut, um allen jungen Erfinder*innen einen eigenen Arbeitsplatz zu schaffen. Sven, Robotikstudent der Hochschule, nimmt den Lasercutter und 3D-Drucker in Betrieb. Alles ist bereit für die 12-15-Jährigen, die die nächsten zwei Tage hier ihre ganz eigenen Ideen in die Realität umsetzen werden. Schon Wochen vor dem MINT-erfinderCAMP haben sich die neun Jugendlichen, die aus ganz Deutschland angereist sind, Gedanken gemacht, wie sie Menschen mit Einschränkungen mit ihren Erfindungen helfen können. Denn während dieser Veranstaltung sollen sie soziale Probleme mit technischen Innovationen lösen. Dabei stehen ihnen Mitarbeiter*innen der Initiative Junge Forscherinnen und Forscher (IJF) und der HHN zur Seite, um sie bei der Umsetzung der Ideen zu unterstützen.

Vielleicht gewinne ich nicht den 3D-Drucker, aber dabei zu sein ist eigentlich schon der Gewinn“, sagt Samuel vor der Preisverleihung. Damit bringt er die Sache auf den Punkt. Denn beim MINT-erfinderCAMP in Heilbronn erfahren die Jugendlichen nicht nur, dass es möglich ist, eigene Ideen in die Realität umzusetzen. Sie erleben auch, wie wertvoll Zusammenarbeit und Teamgeist sind.

der größte Gewinn -

Über einen Laptop gebeugt programmieren Sini und Lenya den Code für ihren Microcontroller. Was daneben wie ein großer Kabelsalat aussieht, wird zwei Tage später ihr erster Prototyp eines Balls, über den Gehörlose die Geräusche ihrer Umgebung als Farben und Vibrationen wahrnehmen können. Anfangs besaßen die beiden noch Hemmungen, ihre Idee technisch umzusetzen. Als die Mädchen ihren ersten „Arduino“ zu Hause in Nordrhein-Westfahlen in Händen hielten, hatten sie Angst, etwas kaputt zu machen. Während des Camps in Heilbronn merkt man von der anfänglichen Zurückhaltung nur noch wenig. Zusammen mit der Physikerin Dr. Mirjam Falge von der IJF verkabeln sie LEDs und schreiben Programme, um Vibrationsmotoren zu steuern. Sie lernen das Prinzip der Nicht-Newtoschen-Flüssigkeiten anhand von Stärkelösungen kennen, um dem Ball auch einen angenehme Haptik zu verleihen.

anderen mit der eigenen Arbeit wirklich zu helfen.

Hürden überwinden

Teilnehmer Samuel ist fantasievoll und besitzt viele Ideen. Er möchte seinen Einfall des „Laufstuhls“ zum Leben erwecken. Der Laufstuhl ist eine Version eines Rollstuhls, der statt Rädern acht Beine hat und damit auch gut Hindernisse wie zum Beispiel Treppen überwinden kann. Die Idee dazu hatte er bei einem Kreativworkshop der IJF entwickelt. Durch seinen Cousin, der selbst im Rollstuhl sitzt, weiß Samuel, welche Hürden Rollstuhlfahrer*innen im Alltag begegnen.

Maschinenbauer Thomas Behnisch von der IJF hilft ihm dabei, seine Kreativität in CAD-Konstruktionen zu übersetzen. Anhand dieser technischen Zeichnungen schneidet ein Lasercutter die Einzelteile aus Holz aus. Zusammen verbinden die beiden die Komponenten und bringen den Motor an. Et voilà: Das verkleinerte Modell des Stuhls läuft. Auch, wenn bei diesem ersten Prototyp die Fahrt mit dem Laufstuhl noch etwas holprig ist und an eine Bootsfahrt bei heftigem Sturm erinnert, ist Samuel begeistert, dass seine Idee Gestalt angenommen hat.

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Kaan, Christopher und Felix...

beginnen am nächsten Tisch eigenständig, ihre App zu programmieren. Schon im Vorfeld haben sich die drei Freunde selbst den Umgang mit der Programmierumgebung Unity angeeignet. Ihre Aufgabe sehen sie in der Entwicklung einer App, die Gehörlosen und Schwerhörigen die Kommunikation mit ihrer Umgebung erleichtert. Nicht nur das Fachwissen sitzt bei den dreien, auch die Teamarbeit funktioniert mit der Leidenschaft für Informationstechnologie sehr gut. Und so wundert es nicht, dass nach zwei Tagen der Prototyp einer App steht, die perfekt Gesprochenes als Text abbilden kann und umgekehrt Text in gesprochene Sprache übersetzt. Sogar Schriftgröße und Sprache lassen sich auswählen. So sollen zum Beispiel ältere Leute, die nicht mehr gut hören, alle wichtigen Informationen mitbekommen, etwa beim Einkaufen oder beim Arztbesuch.

Der nächste Teilnehmer, Felix, fährt in seiner Freizeit gerne mit seinem Mountainbike steile Wege. Als ihn eines Tages ein fehlendes Ersatzteil von seiner Leidenschaft abhält, kommt ihm eine Idee, die er beim Camp einreicht: Er möchte eine Nachbarschafts-App schreiben. Darüber sollen Menschen nicht nur in dringenden Fällen schnell Hilfe und Unterstützung aus der eigenen Region bekommen. Die digitale Anwendung soll auch ein Bezahlsystem besitzen. Während der Veranstaltung baut Felix seine Programmierkenntnisse mit Hilfe des MIT App Inventors aus. Zusammen mit seiner Betreuerin Patrizia Stutzenstein von der Initiative erstellt er grafisch Benutzeroberflächen, schreibt Methoden und lädt Benutzerdaten in die Cloud-Datenbank. Nach zwei Tagen ist der erste Prototyp der App fertig. Beim finalen Gallery Walk zeigt sich Susan Barth vom Gründerzentrum der HHN über das Potential der eigenen Bezahlfunktion für Regionen und Gemeinden beeindruckt.

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Mit drei Ideen

Mit gleich drei Ideen ist Noel beim MINT-erfinderCAMP dabei. Er bringt schon Erfahrung von „Jugend forscht“ mit und wurde dort bereits mit seiner Idee des „3D-Memorys“ ausgezeichnet. Während des Camps verbessert er nicht nur sein Memory, sondern er entwickelt auch eine Hilfe zur Rückenwäsche für Menschen mit verkürzten Armen oder eingeschränkter Beweglichkeit. Außerdem erfindet er eine Zahnbürsten-Halterung für Personen, die nur eine Hand benutzen können. Noels Entwicklungen zeichnen sich durch ihre Einfachheit aus. Pragmatisch reduziert er die wichtigsten Funktionen auf das Wesentliche, wodurch mehr Platz für sinnvolle Zusatzfunktionen bleibt. So hat etwa seine Zahnbürstenhaltung nicht nur, wie der Name schon verrät, eine spezielle Halterung für die Bürste, sondern auch eine Einklemmvorrichtung in verschiedenen Größen, um Zahnpasta und andere Tuben mit nur einer Hand öffnen zu können. Mit Noels 3D-Memory können nicht nur Blinde, Farbenblinde und andere Sehgeschädigte sowie Normalsehende zusammen spielen. An jedem Stein befindet sich auch ein Magnet, wodurch besonders Ältere die Steine mithilfe eines Stäbchens besser aufnehmen können. Den Nutzern erweist er mit seinen Entwicklungen einen großen Dienst.

Den ersten Preis...

des Wochenendes holt Julian mit seinem „Bürgersteiger“, ein Rollstuhl, an dem beidseitig Hebel befestigt sind, um kleinere Hindernisse wie Bordsteinkanten zu überwinden. Solche Hindernisse sind für Rollstuhlfahrer oft ein richtiges Problem. Julian hat schon im Vorfeld lange an seiner Idee gefeilt und eine einfache und ressourcenschonende zugleich aber auch sehr effektive Lösung gefunden. Mit dem ersten Preis hatte er trotzdem nicht gerechnet. Während ihres Vortrags zum Thema „Start-Up“ am ersten Tag des Camps fragte Susan Barth in die Runde, ob sich jemand vorstellen kann, sich mit seiner Idee eines Tages vielleicht auch selbstständig zu machen. Sofort schüttelte Julian den Kopf. Jetzt soll seine Idee in kleiner Auflage produziert werden.

Gewinner

Für die Jury ist es schwierig, bei den vielfältigen Ideen und Prototypen ein Ranking vorzunehmen und einen ersten Platz zu küren. Das erkennt auch Dr. Elzer von der Arnfried und Hannelore Meyer Stiftung. Die Stiftung fördert den Erfindergeist junger Menschen und unterstützt sie dabei, eigene Produktideen voranzubringen. Weil alle Ergebnisse des Wettbewerbs die Jury überzeugen, erhält nicht nur – wie ursprünglich gedacht – der Gewinner einen 3D-Drucker als Preis, sondern alle Teilnehmer*innen.